MS Selbsthilfegruppe Bernkastel-Wittlich

Eröffnungsrede

Festakt

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Multiple Sklerose Selbsthilfegruppe Bernkastel-Wittlich am 16. Juni 2007 in der Synagoge in Wittlich

von Hermann-Josef Hauth


Liebe MS-Betroffene,
liebe Gäste,

Noch immer ist Multiple Sklerose unheilbar. Eine Krankheit des zentralen Nervensystems, deren Entstehung völlig im Dunkeln liegt. Eine Krankheit, die meist schubförmig verläuft und die besonders junge Menschen trifft. Und indirekt ihre Familien.

Aber die Mediziner sind dabei, diese merkwürdigen Zusammenhänge zu entschlüsseln. Es gibt Fortschritte in der Therapie und die Hoffnung, durch neue Medikamente das Immunsystem so zu beeinflussen, dass es aufhört, den eigenen Körper zu attackieren. Die Heilung aber – vielleicht eines Tages mithilfe einer Stammzellentherapie – steht noch in weiter Ferne.

Ich freue mich, dass Sie der Einladung zum heutigen Festakt so zahlreich gefolgt sind. 20 Jahre Selbsthilfegruppe Bernkastel-Wittlich, eine Tradition, unendlich viele Erfolge und Fortschritte in der gemeinsamen Selbsthilfearbeit, stehen hinter dem heutigen Jubiläum. Eine gute Grundlage für die Zukunft unserer SHG. Die Mitglieder und deren Familienangehörigen nicht zu enttäuschen, sondern ihnen durch unsere gemeinsame Arbeit deutlich zu machen, dass man sich auf uns – sprich die MS SHG – verlassen kann, jetzt und in der Zukunft: Das war in den vergangenen zwei Jahrzehnten unsere Aufgabe und unser Ziel.

Ich wünsche mir, dass uns dies auch weiterhin gemeinsam gelingt. Ich werde alles dafür tun, dass Menschen mit der chronischen Erkrankung Multiple Sklerose in unserer SHG die Anlaufstelle finden, die sie benötigen, um die Diagnose besser verarbeiten zu können.

Im Jahre 1987 – also vor genau 20 Jahren - gründete ich die MS SHG Bernkastel-Wittlich. Ich lernte die Mitglieder genauer kennen, die wie ich mit der Diagnose „Multiple Sklerose“ haderten und sich die Frage stellten: „Warum gerade ich?“

Wir alle haben uns damals sehr oft die Frage gestellt: „Warum sind wir es, die an Multiple Sklerose erkrankt sind?“ So erging es den meisten Mitgliedern unserer SHG. Im Laufe der Zeit erlebten wir - und Neuerkrankte erleben es heute immer noch - dass es Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die mit dem Begriff „Behinderung“ ein Problem haben. Behinderte und kranke Menschen haben in unserer Gesellschaft nie einen hundertprozentigen Schutz.

Wir können uns sicherlich noch alle daran erinnern, dass ein Ehepaar vor Gericht klagte, weil es im Urlaub am Nachbartisch eines behinderten, spastisch gelähmten Kindes seine Mahlzeiten einnehmen musste und sich dadurch im Urlaub gestört fühlte. Dieses Ehepaar erhielt dafür sogar noch eine Erstattung des Reisepreises zurück. Wir können uns sicherlich ebenso noch daran erinnern, dass der Landesparteitag der NPD im Jahre 2006 im Hunsrück stattfand. Vor ca. 3 Monaten gingen ca. 2000 Menschen bei einer Kundgebung gegen das NPD-Schulungszentrum auf die Straße. Wir alle sind eingeladen mit Zivilcourage hier zu sagen:

Nicht mit uns!

Demokratie und Rechtsstaatlichkeit würden im rechtsextremistischen Staat beseitigt werden. An ihre Stelle träte eine gleichartige „Volksgemeinschaft“, in der alle Fremden keinen Platz mehr hätten. Ein Fremder muss nicht unbedingt ein Ausländer sein. Auch Deutsche, die nicht in das Weltbild der Rechtsextremisten passen, würden ihrer Rechte beraubt. Dazu zählen beispielsweise auch Menschen mit Behinderungen. Die menschenverletzenden Parolen dieser Leute und die Ausgrenzung von Menschen wegen ihrer Krankheit, Behinderung und ihrer Herkunft sind uns allen bekannt.

Rechtsextremismus rührt daher – das haben Forscher festgestellt – wie die Menschen ihre persönliche Situation interpretieren. Das heißt zum Beispiel: gefährlich wird es erst, wenn man die eigene Situation subjektiv als besonders schlecht einschätzt, wenn man einen möglichen Statusverlust als starke Bedrohung empfindet, wenn man sich dazu noch stark über Leistung oder Karriere definiert. So könnten sich Aggressionen gegen Minderheiten, gegen anscheinend Leistungsunfähige oder gegen Menschen entwickeln, die angeblich ohne eigene Anstrengung versorgt werden.

Dazu zählen auch chronisch Erkrankte.

Es war und ist für uns MS-Betroffene immer wieder eine Chance, auf Missstände hinzuweisen. Wir wissen mittlerweile, dass nur dann etwas eskalieren kann, wenn man nichts tut. Der Druck von Stammtischparolen auf unsere Gesellschaft wächst und macht meist bei den Schwächsten halt, so auch bei den Behinderten. Es muss für uns alle wichtig sein, dieses Thema zu enttabuisieren.

Die Garantie des Andersseins, das Grundrecht des Andersseins auch zu empfinden als ein Geschenk - für uns und nicht nur für den Anderen – das wird nur gewährleistet, wenn man im Alltag dieses vorlebt. Die Diskriminierung, die Verachtung von Mensch zu Mensch findet in unserem Alltag immer wieder statt und jede Versuchung ist eine Verletzung und verletzte Menschen verletzen wieder andere Menschen.

Mann kann es auch anders sagen:
„Wer Kinder in Liebe erzieht, erzieht Menschen, die andere Menschen lieben. Wer Kinder in der Erziehung vernachlässigt und verletzt, wird verletzte Menschen hervorbringen. Wer Kindern und Jugendlichen rechtes Gedankengut vermittelt, erzieht die „Spinner“ von morgen. Die Braunen sind zwar im Hunsrück nicht mehr aktuell, sie sind aber nach wie vor unter uns.

Ich habe mich für den heutigen Festakt bewusst dazu entschieden, zu diesem Thema zu sprechen, weil ich damit aufzeigen will, dass wir alle - Gesunde und Kranke – darüber miteinander reden müssen. Wenn Konflikte unter Menschen stattfinden - und das spüren chronisch Kranke und Behinderte im Alltag immer wieder - ist Reden das Allerwichtigste.

Es ist anstrengend,
es ist schmerzhaft,
es ist teilweise frustrierend
und es gibt auch immer wieder Rückschläge. Es gibt aber keine Alternative unter zivilisierten Menschen als unsere gemeinsame Sprache.

Die MS SHG redet mittlerweile seit 20 Jahren über all die Dinge, die uns - durch die Multiple Sklerose - persönlich berühren und als wichtig erscheinen. Ich erinnere mich an die Anfangszeit unserer SHG noch sehr genau zurück, als eine junge MS-erkrankte Frau mir in einem Telefonat schilderte, dass man sie in ihrem Dorf als „Simulantin“ betitelt.

Ein junger MS-erkrankter Mann hatte mit Beginn seiner Erkrankung ein unsicheres Gangbild. Die Ehefrau hat mir geschildert, wie sich die Nachbarschaft den Mund zerredet hat und ihn – ihren Ehemann – als Alkoholiker betitelte mit den Worten: „Dem müsste man schon am frühen Morgen den Führerschein abholen“.

Ich könnte Ihnen – liebe Gäste - eine Reihe anderer gleichgelagerter Beispiele aufzeigen. Die Mitglieder der MS SHG haben in ihrer Arbeit gelernt, dass manche Schwierigkeiten leichter zu überwinden sind, wenn sie gemeinsam besprochen werden.

Diese Art der Kommunikation - ist Gott sei Dank – im Kreis Bernkastel-Wittlich nicht im Verborgenen geblieben, denn immer wieder stoßen junge MS-Neuerkrankte zu unserer SHG. Wir versuchen in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben oft zu verschleiern, was uns unterscheidet, übergehen die Fremdheit des anderen mit schamhaftem Schweigen. Doch wer Unterschiede leugnet, macht sie dadurch erst zum Stein des Anstoßes. Ein Frieden, der erkauft wird, in dem sich alle blind und taub stellen, ist ein fauler Frieden.

Sozial gerecht ist ein Sozialwesen nur dann, wenn es allen Menschen – Gesunden und Kranken – die Möglichkeit bietet, das Leben zur eigenen Entfaltung selbst zu gestalten. Viele aktuelle Auseinandersetzungen in Politik und Gesellschaft drehen sich im Kern um Fragen des menschlichen Miteinanders, der Solidarität und der Gerechtigkeit.

Viele erleben jedoch Krankheit als Sturz ins Bodenlose. Da geht es nicht um zwei Wochen Urlaub auf Gran Canaria. Es gibt zwar kein Grundrecht auf Wohlstand, doch für alle Menschen in Deutschland gilt das Grundgesetz. Dort ist die Würde des Menschen festgeschrieben und daran müssen sich alle halten.

Beim Evangelisten Lukas heißt es: „Das Leben ist mehr als Nahrung und der Leib ist mehr als Kleidung“ und beim Evangelisten Matthäus heißt es: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern vom Wort Gottes“. Für uns Menschen ist dieses Wort die Frohe Botschaft. Sie gibt Antworten auf Fragen nach der Würde des Menschen, nach dem Sinn des Lebens und zeigt damit auch Wege zur eigenen Lebensgestaltung auf.

Bei den monatlichen Gruppentreffen finden regelmäßige Gesprächskreise, Info-Veranstaltungen, eine jährliche Freizeitmaßnahme, ein Grillfest, der jährliche MS-Tag sowie die jährliche Weihnachtsfeier statt. Dafür sind wir regelmäßig auf Behindertenbusse angewiesen. All dies ist nur durch die Unterstützung unserer zahlreichen Fördermitglieder möglich. Ich danke im heutigen Festakt allen Fördermitgliedern, die unsere SHG in den vergangenen Jahren - durch einen jährlichen Förderbeitrag - finanziell unterstützt haben. Zum Schluss danke ich all denen, die dazu beigetragen haben, dass die heutige Veranstaltung hier in der Synagoge aber auch beim MS-Tag am heutigen Nachmittag so durchgeführt werden kann, wie wir es uns in unserer SHG gemeinsam erarbeitet und vorgestellt haben.

Die Zeit der Selbsthilfearbeit war in der Nachbetrachtung eine gute Zeit für viele Neuerkrankte, aber auch für uns selbst.
Ich möchte mich heute bei allen Mitgliedern der MS SHG für 20 Jahre gute Zusammenarbeit bedanken. Es waren ereignisreiche Jahre für uns alle. Wir konnten dank der guten Zusammenarbeit innerhalb unserer SHG manche für den chronisch Kranken unzufriedene Situation einer Lösung zuführen, die letztendlich allen Kranken und behinderten Menschen in unserem Landkreis Bernkastel-Wittlich auf Dauer zugute gekommen sind. Bei allen monatlichen Gruppentreffen und allen Aktivitäten konnte ich immer wieder feststellen, dass unsere SHG eine Gemeinschaft ist, in der jeder für den anderen da ist. Unsere Rolle im Kreis Bernkastel-Wittlich hat sich in den vergangenen 20 Jahren verändert.
Unsere Stimme hat an Gewicht gewonnen.
Unser Rat und unsere Hilfe sind gefragt.


In den nächsten Jahren geht es darum, unsere Selbsthilfegruppe in Verantwortung und Zusammenhalt weiterzuführen. Dabei bleibt die soziale Gerechtigkeit das wichtigste Ziel.


Wittlich, den 16. Juni 2007