MS Selbsthilfegruppe Bernkastel-Wittlich

Schicksal verstehen

Krankheit als Weg...

Gesundheit, so sagen wir, sei unser höchstes Gut. Welchen Sinn haben dann Krankheiten in unserem Leben?

Das Verständnis der verschiedenen Krankheitsbilder eröffnet jedem von uns einen neuen, besseren Weg, sich selbst zu finden. Funktionale Abläufe besitzen in sich selbst niemals Sinnhaftigkeit. Der Sinn eines Ereignisses ergibt sich erst aus der Deutung, die uns die Bedeutung erfahrbar werden lässt. So ist zum Beispiel das Steigen einer Quecksilbersäule in einem Glasrohr, isoliert betrachtet, absolut sinnlos; erst wenn wir dieses Geschehen als Ausdruck einer Temperaturveränderung deuten, wird der Vorgang bedeutungsvoll.

Wenn Menschen aufhören, die Ereignisse in dieser Welt und ihren eigenen Schicksalsverlauf zu deuten, versinkt ihr Dasein in die Bedeutungslosigkeit. Einem Kranken fehlt immer etwas, und zwar in seinem Bewusstsein. Würde ihm nichts fehlen, wäre er ja heil, d.h. ganz und vollkommen. Wenn ihm jedoch etwas zum Heil fehlt, dann ist er unheil, krank. Dieses Kranksein zeigt sich im Körper als Symptom. Hat ein Mensch einmal den Unterschied zwischen Krankheit und Symptom begriffen, so ändert sich schlagartig seine Grundhaltung und sein Umgang mit Krankheit. Er betrachtet nicht länger das Symptom als seinen großen Feind, dessen Bekämpfung und Vernichtung sein höchstes Ziel ist, sondern entdeckt im Symptom einen Partner, der ihm helfen kann, das ihm Fehlende zu finden und so das eigentliche Kranksein zu überwinden. Jetzt wird das Symptom zu einer Art Lehrer, der hilft, uns um unsere eigene Entwicklung und Bewusstwerdung zu kümmern, und der auch viele Strenge und Härte zeigen kann, wenn wir dieses unser oberstes Gesetz missachten.

Krankheit kennt nur ein Ziel: uns heil werden zu lassen. Der Weg des Menschen ist der Weg aus dem Unheil zum Heil, aus der Krankheit zur Heilung. Krankheit ist nicht eine versehentliche – und daher unliebsame Störung – auf dem Weg, sondern Krankheit ist selbst der Weg, auf dem der Mensch dem Heil entgegenwandert. Je bewusster wir den Weg betrachten, um so besser kann er seinen Zweck erfüllen. Man will Gesundheit haben und bekämpft Krankheit, man will den Frieden bewahren und deshalb den Krieg abschaffen, man will leben und dafür den Tod überwinden. Es bleibt eindrucksvoll, wie wenig ein paar tausend Jahre erfolgloser Bemühungen den Menschen an seinem Konzept zweifeln lassen. Gerade die Medizin ist dafür ein gutes Beispiel: Indem man immer mehr für Gesundheit tat, wuchs das Kranksein in gleichem Maße mit.

Der Mensch beschäftigt sich am meisten mit dem, was er nicht will. Dabei nähert er sich dem abgelehnten Prinzip so weit an, dass es schließlich selbst lebt. Unser Schatten beinhaltet all das, was der Welt – unserer Welt – zum Heilwerden fehlt. Der Schatten macht uns krank, d. h. unheil, die Begegnung mit dem Schatten heil. Dies ist der Schlüssel zum Verständnis von Krankheit und Heilung. Jetzt werden wir das alte Frage- und Antwortspiel neu verstehen: „Was fehlt ihnen?“ und: „Ich habe dieses Symptom.“ Das Symptom zeigt in der Tat, was dem Erkrankten fehlt. Kein Wunder, das wir unsere Symptome so wenig mögen, und so setzen wir unseren Kampf gegen die Symptome fort, ohne die gebotene Chance zu nutzen, das Symptom zum Heilwerden zu benutzen.
Der Schatten macht den Menschen unehrlich. Alle Betrügereien dieser Welt sind harmlos, gemessen an dem, was der Mensch sich selbst ein Leben lang vorlügt. Ehrlichkeit gegenüber sich selbst gehört zu den härtesten Forderungen, die man stellen kann. Doch für den, der um mehr Eigenehrlichkeit bemüht ist, kann Krankheit zu einem großartigen Hilfsmittel auf seinem Weg sein.

Krankheit macht ehrlich...

Im Krankheitssymptom lesen wir deutlich und sichtbar, was wir in unserer Psyche wegdrängen und verbergen wollen. Die meisten Menschen haben Schwierigkeiten, über ihre tiefsten Probleme - falls sie sie überhaupt kennen - frei und öffentlich zu reden, doch ihre Symptome erzählen die Menschen ausführlich jedem. Genauer und exakter kann ein Mensch nicht über sich Auskunft geben. Krankheit macht ehrlich und entlarvt schonungslos die verborgen gehaltenen Ansprüche der Seele, denn im Kranksein wird der Mensch echt.

Gebote, Gesetze und Moral geleiten den Menschen nicht bis ans Ziel der Vollkommenheit. Gehorsam ist gut, aber er genügt nicht, denn wisse, „auch der Teufel gehorcht". Das innere Gesetz eines jeden Menschen ist die Verpflichtung, sein wahres Zentrum, sein Selbst zu finden, d. h. eins zu werden mit allem, was ist. Das Instrument der Gegensatzvereinigung heißt Liebe. Liebe ist ein Ja-sagen ohne Einschränkung und Bedingung. Solange Liebe noch auswählt, ist sie keine wirkliche Liebe, denn Liebe trennt nicht, Auswahl aber trennt. Liebe kennt keine Eifersucht, denn sie will nicht besitzen, sie will sich verströmen. Der Mensch ist krank, da ihm die Einheit fehlt.

Den gesunden Menschen, dem nichts fehlt, gibt es allein in den Anatomiebüchern der Medizin. Im lebendigen Zustand ist ein solches Exemplar unbekannt. Es mag Menschen geben, die über Jahrzehnte keine besonders auffälligen oder schweren Symptome entwickeln, doch ändert dies nichts an der Feststellung, dass auch sie krank und sterblich sind.

Edgar Hein sagt in einem Buch „Krankheit als Krise und Chance“: „Ein Erwachsener macht in fünfundzwanzig Jahren seines Lebens durchschnittlich eine lebensbedrohliche, zwanzig ernsthafte und etwa zweihundert mittelschwere Erkrankungen durch.“ Wir sollten uns von der Illusion lösen, man könne Krankheiten vermeiden oder aus der Welt schaffen. Kranksein gehört zur Gesundheit, so wie der Tod zum Leben. Solche Worte sind unbequem, haben aber den Vorteil, dass jeder deren Richtigkeit durch ein wenig unvoreingenommene Beobachtung selbst wahrnehmen kann. Das Leben ist nun mal der Weg der Enttäuschungen, dem Menschen wird solange eine Täuschung nach der anderen entzogen, bis er die Wahrheit ertragen kann. So wird derjenige, der es wagt und erträgt, Krankheit und Tod als unvermeidbare Begleiter seines Daseins zu erkennen, bald erleben, dass diese Erkenntnis keineswegs in der Hoffnungslosigkeit endet.

Die Krankheit macht den Menschen heilbar. Krankheit ist der Wendepunkt, an dem das Unheil sich in Heil wandeln lässt. Damit dies geschehen kann, muss der Mensch seinen Kampf einstellen und stattdessen hören und sehen lernen, was die Krankheit ihm zu sagen hat. Der Betroffene muss in sich hineinlauschen und in Kommunikation mit seinen Symptomen gehen, will er deren Botschaft erfahren. Krankheit ist immer eine Krise und jede Krise will Entwicklung. Jeder Versuch, den Stand vor einer Erkrankung wieder zu erreichen, ist naiv und dumm. Krankheit will weiterführen zu neuen, unbekannten und ungelebten Ufern. Erst wenn wir diesem Aufruf bewusst und freiwillig folgen, verleihen wir der Krise Sinnhaftigkeit.

Es ist richtig, Konflikte tun immer weh, egal auf welcher Ebene wir sie erleben, sei es Krieg, innerer Widerstreit, Krankheit, schön sind sie nie. Doch das Schön und Nichtschön ist keine Ebene, auf der wir argumentieren dürfen, denn wenn wir uns eingestehen, dass wir nichts vermeiden können, stellt sich diese Frage gar nicht.

Wer sich eben nicht erlaubt, psychisch zu explodieren, bei dem explodiert es im Körper (Abseß). Kann man da noch die Frage nach schöner oder besser stellen?

Wir alle argumentieren wie die Krebszelle. Unser Wachstum gedeiht so schnell, dass auch wir mit der Versorgung kaum noch nachkommen. Unsere Kommunikationssysteme sind weltweit ausgebaut, doch die Kommunikation mit unserem Nachbarn oder Partner will uns immer noch nicht gelingen. Der Mensch hat Freizeit, ohne etwas damit anfangen zu können. Wir produzieren und vernichten Nahrungsmittel, um damit Preise zu manipulieren. Wir können bequem die ganze Welt bereisen, aber kennen uns selbst nicht. Die Philosophie unserer Zeit kennt kein anderes Ziel als Wachstum und Fortschritt. Man arbeitet, experimentiert, forscht – warum? Um des Fortschritts willen! Die Menschheit ist auf einem Trip ohne Ziel. Sie muss sich deshalb immer neue Ziele setzen, um nicht zu verzweifeln.

Trotz aller Anstrengungen der Weltverbesserer wird es niemals eine heile Welt geben ohne Konflikte und Probleme, ohne Reibung und Auseinandersetzung. Niemals wird es den gesunden Menschen geben ohne Krankheit und Tod, niemals allumfassende Liebe, denn die Welt der Formen lebt von den Grenzen. Symbol der wahren Liebe ist das Herz.

Das Herz ist das einzige Organ, das vom Krebs nicht befallen werden kann.

Krankheit ist der persönliche Lehrer und Führer auf dem Wege zum Heil. Es werden verschiedene Wege zu diesem Ziel angeboten, meist schwierige und komplizierte, doch der naheliegendste und individuellste wird meist achtlos übersehen: die Krankheit. Dieser Weg ist am wenigsten anfällig für Selbsttäuschungen. Deshalb ist er auch so unbeliebt. Wer jedoch Krankheit als Weg begreifen lernt, dem wird sich eine Welt von neuen Einsichten erschließen.

Alle Überlegungen sollten nicht als Rezepte mißinterpretiert werden. Es geht nicht um die Frage, „ob man sich impfen lassen darf oder nicht“ oder „ob man niemals Antibiotika verwenden darf“.

Es ist letztlich völlig gleichgültig, was man tut, solange man weiß, was man tut!

Bewusstsein heißt unser Anliegen, nicht fertige Ge- oder Verbote.